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Montag, 10. November 2014

Grete Stückgold - Späte Karriere und Tod

Lotte Lehmann als Marschallin, Artur Rodzinsky, Grete Stückgold als Oktavian 




Vor einiger Zeit erwarb ich bei einem amerikanischen Händler über Ebay einige Stücke aus dem Nachlass der Sängerin Grete Stückgold, die ich sehr schätze. Es handelte sich um ein handgeschriebenes Notizbuch, von dessen Inhalt ich gehofft hatte, dass es vielleicht eine Art Tagebuch enthält. Tatsächlich war es aber ein altes Poesiealbum aus ihrere Kindheit mit Eintragungen von Kinderfreundinnen, auf dessen freie Seiten sie später Liedtexte von Liedern aus ihrem Repertoire aufgeschrieben hat - vielleicht als Gedankenstütze. Interessanter waren ein paar Zeitungsausschnitte und Anzeigen, die dem Album beilagen, und die einen Blick auf eine gewisse Tragik der späten Jahre der Karriere von Grete Stückgold eröffnen.

Grete Stückgold war 1927 nach Amerika gekommen und hatte hier einige Jahre erfolgreich konzertiert. An der Met sang sie zwischen 1927 und 1930 immerhin 47 mal, ohne sich, auch wegen der starken Konkurrenz, wirklich durchsetzen zu können. Zwischen 1931 und 1934 war sei nur noch 7 mal eingesetzt. Nach einer Pause von vier Jahren sang sie noch einmal im März 1938 bei einem Gastspiel der Met in Boston den Oktavian zu Lotte Lehmanns Marschallin im Rosenkavalier. Im Januar 1939 erhielt sie dann noch einmal eine große Chance: der Ehemann von Lotte Lehmann war gestorben, und sie durfte am 25. Januar kurzfristig einspringen, diesmal als Marschallin - eine Rolle, die sie zuletzt 1929 ganze 3 mal auf der Bühne gesungen hatte.

Im Nachlass von Grete Stückgold befanden sich noch viele Andenken an und Zeitungsausschnitte von diesem Tag. Er muss ihr viel bedeutet haben. Als erstes finden sich die aufmunternden Telegramme, die sie für diesen Tag bekommen hatte.


Telegramm an Grete Stückgold 25.I.1939 von William
Matheus Sullivan

Telegramm an Grete Stückgold 25.I.1939 von Virginia Mauret

Telegramm an Grete Stückgold 25.I.1939 von "Sunny"
mit Einladung zum Zusammensein nach der Vorstellung

Ebenfalls aufgehoben hat Grete Stückgold ein Kärtchen, das wohl an einem Blumenstrauss hing, der ihr an dem Abend von der Metropolitan Opera Association überreicht wurde.



Die Ankündigung und die Besprechungen der Vorstellung befand sich in Form von Zeitungsausschnitten ebenfalls in der Sammlung. In der Ankündigung wird vom Tod von Dr.Otto Wiener, dem Ehemann von Lotte Lehmann, berichtet, und dass Grete Stückgold mehrere assistant conductors der Met zur Verfügung standen, um innerhalb von zwei Tagen die Rolle zu studieren.


Ankündigung (24.I.1939), dass Grete Stückgold für Lotte Lehmann
einspringen wird

In der ersten Besprechung wird hervorgehoben, dass sie in Anbetracht der schwierigen Umstände erfolgreich war. Dann folgen eine Reihe von Einschränkungen: sie habe nicht die ideale Marschallin-Stimme und habe im dritten Akt Probleme gehabt. Insgesamt ist das Fazit, dass es keine dramatisch elaborierte Interpretation gewesen sei, aber die wichtigen Punkte (für eine erfolgreiche Interpretation) erfüllt gewesen seien. Der Artikel geht noch in der zweiten Spalte weiter mit einer kurzen Besprechung des restlichen Ensembles (Rise Stevens, Julius Huehn, Emanuel List). Diesen Teil hat Grete Stückgold abgeschnitten bzw. nicht mit aufgehoben.

Besprechung aus unbekannter Zeitung vom 26.I.1939
In der zweiten Besprechung wird die freundliche Aufnahme durch das Publikum beschrieben (Extra-Applaus etc.) und die Besetzung aufgezählt. Auf die Qualität der Darbietung wird nicht eingegangen.





Schließlich findet sich noch eine Besprechung aus einer in Amerika erscheinenden deutschsprachigen Zeitung, die ihre Rollengestaltung als Drahtzieherin des Geschehens lobt, aber dabei die Darstellung der Tragödie der alternden Frau vermisst.






Diese Tragödie der alternden Frau und Sängerin selbst zu erleben, muss Grete Stückgold auch durchgemacht haben. Sie übernahm noch drei Tage später, am 28.I.1939, eine weitere Repertoirevorstellung, die eigentlich Lotte Lehmann singen sollte, nämlich die Elisabeth im Tannhäuser mit Carl Hartmann (Tannhäuser), Herbert Janssen (Wolfram) und Karin Branzell als Venus. Davon sind mir keine Aufzeichnungen oder Andenken überliefert. Dies blieb das letzte Mal, dass sie an der Met aufgetreten ist. Unten finden sich noch ein paar Anzeigen ihres Konzertagenten, wo sie weiterhin als Prima Donna der Met bezeichnet wird.



Anzeige für die Saison 1938/39 mit Bild als Oktavian und Hinweis auf den
Auftritt in Boston im März 1938


Anzeige für Konzertbuchungen als Liedersängerin von 1941/42


Da an der Met eine große Konkurrenz herrschte, war es schwer, auch als noch relativ junge Sängerin (Anfang 1939 war Grete Stückgold erst 43 Jahre alt) dort weitere Engagements zu bekommen. Vor einigen Jahren erwarb ich einen Brief aus dem Jahre 1943 an einen Manager der Met. Leider habe ich ihn anscheinend verloren. Dort bat eine Sängerin - ich weiss nicht mehr genau, ob es Grete Stückgold oder Elisabeth Rethberg war - dringend darum, doch wieder berücksichtigt zu werden und beklagte sich darüber, dass sie bei der neusten Produktion von Cosi fan Tutte nicht engagiert worden sei.

Von Grete Stückgold fand ich bei Ebay einen Brief, den Bruno Walter ihr im Jahr 1952 geschrieben hatte. Aus ihm geht hervor, dass sie ihm wohl vorgeschlagen hatte, dass er sie anhören solle, weil sie die Rolle der Isolde einstudiert hätte. Bruno Walter lehnte höflich ab...
Leider habe ich diesen Brief, der gut zu entziffern war, nicht richtig dokumentiert, und mein Screenshot der Ebay-Anzeige ist sehr unscharf. Trotzdem kann ich den Wortlaut hier wiedergeben. Das im August 2013 angebotene Konvolut bestand aus dem Brief von Bruno Walter plus einem Foto von Bruno Walter, Grete Stückgold und einem unbekannten Mann und wurde für immerhin 127,50 USD bei Ebay verkauft (nicht an mich).


Screenshot der Ebay-Anzeige


Das Foto


Brief von Bruno Walter an Grete Stückgold März 1952

Der Wortlaut des Briefes lautet:

23.März 1952

Sehr verehrte gnädige Frau,
Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, dass Sie im Laufe der Jahre in eine Aufgabe wie die der Isolde hineingewachsen sind. Leider kann ich Ihren Wunsch, Sie anzuhören, nicht erfüllen. Unmittelbar nach der Bewältigung meiner gegenwärtigen Tätigkeit mit der New Yorker Philharmonie+Symphony (?) muss ich nach Europa reisen und kann beim besten Willen keine freie Zeit für irgend etwas anderes als die notwendigen Reisevorbereitungen finden.

Mit besten Grüssen und Wünschen, auch von Lotte

Ihr sehr ergebener Bruno Walter



Wie die Geschichte zeigt, ist es nie zu einer Isolde gekommen. Irgendwann um das Jahr 1952 herum machte Grete Stückgold, die verhinderte Isolde, noch einige Aufnahmen von Hugo Wolf-Liedern, die in meinem anderen Blog gehört werden können http://recordplayer78.blogspot.de/2015/01/grete-stuckgold-spate-aufnahmen.html .

Kurz danach muss ihre Karriere zuende gewesen sein. Auf einem signierten Bild aus dem Jahre 1955 verwendet sie bereits ein Foto, dass sie 20 Jahre jünger zeigt. Ich fand es im Internet.





Der nächsten Beleg, den ich dann von ihr habe, stammt aus dem Jahr 1977 und ist ein Nachruf auf Grete Stückgold anlässlich ihres Todes. Er war auch bei den Unterlagen, die ich erworben habe, dabei. Dieser schmale Artikel ist alles, was in der Erinnerung ihrer Zeitgenossen übrig blieb.



Nachruf auf Grete Stückgold


Als Grete Stückgold in einem Altersheim in Connecticut starb, war sie 82 Jahre alt und von der Welt vergessen. Makabererweise oder, je nachdem wie man es sehen möchte, ergreifenderweise habe ich auch das Kondolenzbuch bekommen. Es waren ganze zehn Personen, die an ihrer Beerdigung teilnahmen. Eine schrieb: "In Memory of a great soprano".


Der Umschlag des Kondolenzbuches von Grete Stückgold

Kondolenzbuch anlässlich der Trauerfeier oder Beerdigung von Grete Stückgold vom 12.IX.1977

Sich selbst sah Grete Stückgold auch in späteren Jahren wohl am liebsten als "Prima Donna of the Metropolitan Opera", als die sie sich im Januar 1939 noch einmal so richtig fühlen durfte. Ihre Visitenkarte und viele ihrer Erinnerungen an diese Zeit behielt sie bis zuletzt.












Donnerstag, 21. August 2014

Plaudereien um Heinrich Schlusnus

ist der Titel eines Büchleins, das der Sänger im Selbstverlag herausgab und das bei seinen Konzerten in Deutschland verkauft wurde. Es erschien etwa 1935 und umfasste 48 Seiten. Es gibt einen Abriss über sein Leben und seinen Werdegang  bis zur Zeit des Erscheinens und beinhaltet viele Fotos aus seinem Leben als Künstler und Privatmann. Diese biographische Skizze aus eigener Sicht, vermutlich durch eine Ghostwriter zu Papier gebracht, gibt einen Einblick darein, welche Lebensereignisse Heinrich Schlusnus wichtig waren und wofür sich sein Publikum damals interessierte.


Umschlag des Buches

Heinrich Schlusnus nach einem Gemälde von Paul Ehrenberg



Seite 5: Bild des elterlichen Hofes in Kulsen (Ostpreussen) und der Eltern









Der 16-jährige Heinrich Schlusnus









Heinrich Schlusnus Berlin 1920 - angekommen in der Staatsoper


Einige Rollenfotos: Figaro im "Barbier", Graf Luna, Wolfram im "Tannhäuser",
Vater Germont in "Traviata" und Rigoletto

Die Mittelseite des Büchleins
Beeindruckend oben das Panorama der Kulisse des Publikums eines Liederabends in der Berliner Philharmonie.


Seite 24 einzeln

Seite 25 einzeln


Heinrich Schlusnus,Berlin 1925





Der Pianist auf dem Bild oben ist Sebastian Peschko, der ab 1934 der ständige Begleiter von Heinrich Schlusnus war, nachdem sein vorheriger Begleiter Franz Rupp Deutschland verlassen hatte, weil auf ihn Druck ausgeübt wurde und er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen.


Was hier natürlich nicht erwähnt wird: Annemarie Schlusnus, eigentlich Annemay geb. Kuhl, war die zweite Frau des Sängers. Er lernte sie 1929 kennen als die Ehefrau seines Gesangslehrers Louis Bachner. Schlusnus selbst war seit 1914 mit Helene geb. Weigl verheiratet, die auch die Mutter seines Sohnes war. Nachdem er mit Annemay zusammenkam, ließen sich beide scheiden und heirateten 1933 in Bayreuth, wo er den Amfortas bei den Bayreuther Festspielen sang.








Heinrich Schlusnus hatte regelmäßigen Kontakt mit seinem einzigen Sohn aus erster Ehe. Der Sohn fiel 1943 in Russland. Heute sind keine direkten Nachkommen oder Familienmitglieder von Heinrich Schlusnus mehr am Leben.


In der Sommerfrische - Heinrich Schlusnus in Lederhose


Zwei Bilder von der Villa von Heinrich Schlusnus in Berlin-Westend, Jasminweg. Seine Nachbarin dort war die Sängerin Emmi Leisner. Das Haus wurde im November 1943 durch Bomben zerstört.



Im "Hasennest", dem Wochenendhäuschen in Pausin in der Nähe von Spandau im Osthavelland, lebte Schlusnus nach der Zerstörung seines Hauses bis zum Februar 1945, als er Berlin verließ. Seine Nachbarin war Frida Leider.


Die Mutter von Heinrich Schlusnus

Heinrich Schlusnus Berlin 1935



Das Ende des Büchleins gibt an, dass es im Selbstverlag erschien und 50 Pfennige kostete.