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Montag, 20. April 2015

Artikel über den Tenor Fritz Soot (1878-1965)


Fritz Soot 1926


In meinem anderen Blog  habe ich Aufnahmen von Fritz Soot veröffentlicht. Hier kommen nun als Ergänzung noch zwei Texte über Soot. Der erste stammt aus dem Berliner Musik-Jahrbuch 1926, herausgegeben von Adolf Ebel. Ernst Schliepe schreibt über Soot von S. 77 bis 80.

Berliner Musik-Jahrbuch 1926








Fritz Soot. Wie man Tenor wird. Von Ernst Schliepe.


Als Felix Mottl in Karlsruhe einmal eine szenische Aufführung der „Heiligen Elisabeth" von Liszt dirigierte, sang die kleine Partie des Knaben Ludwig ein elfjähriger Junge, der durch seine schöne Stimme allgemein auffiel. Der Kleine hieß Fritz Soot. Heute ist er Kammersänger und erster Heldentenor an der Preußischen Staatsoper.

Man ist geneigt, hier das bekannte Sprichwort zu zitieren: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten." Aber es stimmt nicht so ganz. Der Studiengang eines großen Sängers verläuft kei­neswegs immer so gradlinig und zielstrebig, wie manch einer sich das vorstellt, und ebensowenig ist immer von Anfang an das große Stimmmaterial vorhanden, das nur so nach Ausbildung schreit. Der Jüngling, der als Knabe so erfolgreich die weltbedeutenden Bretter betreten hatte, fühlte wohl den Trieb zum Singen in sich, besaß aber nach der (ungewöhnlich spät erfolgten) Mutation nur ein zartes Organ, aus dem nach der landläufigen Ansicht kein Kapital zu schlagen war. So wurde er — da es ihn doch einmal zur Musik hinzog — Musikalienhändler. Allein die frühe Berührung mit der Bühne mußte es ihm doch wohl angetan haben; es drängte ihn, sich irgendwie theatralisch zu betätigen. Wozu gibt es drama­tische Dilettantenvereine? Er findet Aufnahme in einem solchen und ist bald ein beliebtes Mitglied, da es sich herausstellt, daß er unzweifelhaft „Talent" hat. Der Karlsruher Dramaturg und Re­gisseur Kilian nimmt sich seiner an und vermittelt es, daß der junge Mann als „richtiggehender" Schauspieler engagiert wird. Natürlich als „jugendlicher Liebhaber".

Nun ist er in seinem Element. Sein Auftreten in Halbes „Strom" bringt ihm den ersten bedeutenden Erfolg. Bald treffen von außer­halb Engagementsanträge ein. Bei Reinhard in Berlin kommt ein Gastspiel zustande (im „Strom" mit Hedwig Wangel zusammen), später ein gleiches in Wien, an der Bühne Schlenthers. Allein in­zwischen hatte der junge Mime, der seine nun im Training befind­lichen Stimmmittel wachsen fühlte, angefangen, Gesangstunden zu nehmen; zwar bei keiner sogenannten „Größe", aber bei einer Lehrerin in Karlsruhe, die ihr Fach verstand. Überraschende Fort­schritte ließen ihn ernsthaft an eine Sängerlaufbahn denken und die Schauspielerkarriere daraufhin beenden. Den „letzten Schliff" sollte Scheidemantel in Dresden der Stimme geben.

Da geschah etwas Unerwartetes. Es zeigte sich wieder einmal, daß ein berühmter Sänger und Gesangstheoretiker durchaus nicht auch ein guter Pädagoge sein muß. Die Scheidemantelsche Methode be­wirkte genau das Gegenteil von dem, was sie sollte: Soots Stimme ging zurück. Je mehr der Gesangsmeister versprach, desto schlim­mer wurde es. Schließlich griff der ratlose Schüler zu einer dra­stischen Selbsthilfe: er fuhr in Abständen heimlich zu seiner frühe­ren Lehrerin nach Karlsruhe und kümmerte sich im übrigen nicht mehr um Scheidemantels Vorschriften. Ein neuer Aufstieg war das Ergebnis — zur Freude des Schülers und seines völlig ahnungs­losen Lehrers, der diesen Erfolg natürlich seiner Methode zu­schrieb. Einige Zeit darauf wagte Soot es, in der Königlichen Oper zu Dresden vorzusingen; er wurde sogleich auf mehrere Jahre als lyrischer Tenor engagiert und debütierte als Tonio in der „Regi­mentstochter".

Es folgte eine Zeit angestrengtester Arbeit; die Tenornot war groß; durchschnittlich jeden zweiten Abend mußte der junge An­fänger, der sich das Vertrauen des Generalmusikdirektors von Schuch erworben hatte, auf der Bühne stehen. Einen jähen Ab­schluß fand diese 1908 begonnene Laufbahn mit dem Ausbruch des Weltkrieges. Soot — der übrigens bereits nach drei Jahren den Titel „Kammersänger" erhalten hatte — eilte als Kriegsfreiwilliger zu den Fahnen. Ohne reklamiert zu werden, blieb er bis zum Ende des großen Ringens im Felde, nicht etwa als „Sänger" zur Unter­haltung der Kameraden, sondern als Nachrichtenoffizier, dem man den Heldentenor nicht ansah. Erst im letzten Kriegsjahr fand sich für ihn Gelegenheit, eine „Theaterabteilung" zu leiten. Nach Frie­densschluß nahm Soot zunächst beim Landestheater in Stuttgart seinen Beruf wieder auf, bis er 1922 von dort nach Berlin ver­pflichtet wurde. Bemerkenswert ist, daß der Künstler hier noch­mals ernsthafte Gesangstudien begann, und zwar bei der (vor einem Jahr verstorbenen) Pädagogin Anna Meilin. Ihr verdankt er. wie er sagt, das Wertvollste seines Könnens.

Fürwahr: ein langer, durch Um- und Abwege erschwerter Auf­stieg für einen Künstler, der als Kind und Jüngling die Berufung zum Sänger in sich trug und in dunklem Ahnen spürte, während die Ungunst der äußeren Verhältnisse ihm den klaren Ausblick zum Ziel versperrte. Und doch war es sein größtes Glück, daß er das Anfangskapital seiner Stimme gleich in die richtigen Hände legen konnte — gerade weil es nicht allzu groß war — und recht­zeitig die Gefahr erkannte, die seiner späteren Entwicklung drohte. Wer heute Fritz Soot singen hört, wird es nicht für möglich halten, daß dieses Organ eigentlich kein Naturgeschenk, sondern im wesent­lichen ein Kunstprodukt ist. Und doch gibt gerade diese Tatsache die Erklärung dafür ab, daß er überhaupt imstande war, das alles zu leisten, was ihm in seinen Engagements zugemutet worden ist und was man heute noch als selbstverständlich von ihm verlangt. Er hat in Dresden das gesamte lyrische und jugendliche Helden­tenorfach gesungen; in Stuttgart, wo (nach Kriegsende) der Über­gang ins Fach der „schweren" Helden — Wagner usw. — erfolgte, hatte er in zwei Jahren 20 Partien zu lernen. (Für den Tristan standen ihm z. B. nur zwei Monate zur Verfügung!) An unserer Staatsoper ist er das am meisten beschäftigte Mitglied; er singt im Durchschnitt an jedem zweiten Abend! Das will um so mehr be­deuten, als die „jugendlichen" und „schweren" Heldentenorpartien gesanglich und musikalisch wie darstellerisch die höchsten Anforde­rungen stellen und sehr anstrengend sind. Nebenher geht natürlich das Studium neuer Rollen, da die Staatsoper ja alljährlich Ur- und Erstaufführungen herausbringt. Unter solcher Berufsanspannung, die einer dauernden Höchstleistung gleichkommt, wäre eine weniger gesunde oder technisch falsch behandelte Stimme längst zu Schaden gekommen.

Allen diesen Belastungsproben jedoch hat das Organ mit erstaun­licher Ausdauer standgehalten. Ohne Zweifel gehört es zu dem For­mat der großen, voluminösen Stimmen, die jeden Raum zu füllen und sich gegenüber dem Tongewoge eines stark besetzten modernen Orchesters siegreich zu behaupten vermögen — doch besitzt es neben dem Heldencharakter auch lyrische Weichheit und die (ge­rade bei Heldentenören so seltene) Fähigkeit, in der Höhe tragende und frei ansprechende Pianotöne herzugeben. Ein Erfordernis, das für Partien wie Lohengrin, Radames, Palestrina von großer Wich­tigkeit ist. Wer hingegen Gelegenheit gehabt hat, Soot etwa als „Othello" zu sehen, wird über die stimmliche Kraftleistung nicht minder erstaunt gewesen sein wie über die fesselnde Darstellungs­kunst, die alle Gefühlsskalen und Temperamentsäußerungen von liebender Zärtlichkeit bis zu tierischer Wildheit mit naturalistischer Treue in packendes Spiel umzusetzen weiß. Den Naturburschen und Rittergestalten Wagners wiederum eignet bei aller Natürlichkeit der Bewegung und Haltung der idealisierende Abglanz vollendeter Romantik, wie sie die musikdramatische Charakterisierung des Bayreuther Meisters erfordert. Demgemäß findet der Künstler in der Darstellung dieser Rollen wie auch aller anderen, in denen neben dem rein Musikalischen es auf das Erleben starker menschlicher Affekte und auf psychologische Entwicklung ankommt, seine will­kommensten Aufgaben.

Der Vollständigkeit halber muß erwähnt werden, daß Soot sein vielseitiges Können auch im Konzertsaal in eigenpersönlicher Weise zu verwerten weiß Er gehört nicht zu den Tenören, die es sich bequem machen und zeitlebens ihre Konzertprogramme mit einem halben Dutzend Opernarien und ein paar Publikumsreißern be­streiten. Er hat an seinen Liederabenden - die er vor Jahren ver­anstaltete - unter anderem die „Schöne Müllerin" von Schubert und die „Dichterliebe" von Schumann vorgetragen; er war auch einer der ersten, die sich für das Schaffen Schönbergs ein­setzten. Selbst heute noch findet man auf seinen Programmen die Namen moderner Komponisten. Auch das Gebiet des Oratoriums ist ihm nicht fremd; er hat u. a. häufig und mit Erfolg den Evan­gelisten m der „Matthäus-Passion" gesungen

Obwohl unser Künstler seine Tätigkeit zum größten Teil der Staatsoper widmet und damit eine der stärksten Säulen des Berliner Opernwesens ist, so hat er doch wiederholt, hauptsächlich im Sommer, A u s l a n d s gastspiele absolviert; z. B. in der Schweiz, in Norwegen und England. Sein Auftreten in der Coventgarden-Oper in London war einer der größten Erfolge, die ein deutscher Künstler dort zu verzeichnen hatte. Eine besondere Sensation ge­wann dies Gastspiel übrigens dadurch, daß man ihn, weil Not am Mann war, im - Flugzeug von Köln nach London hinüberholte.

Es ist das Los aller reinen Künstlernaturen, die nur ihrem hohen Beruf dienen, daß die Umwelt von ihnen nicht viel Aufhebens macht. Sie gewöhnt sich an ihre Gegenwart, nimmt das Bedeutende als etwas Selbstverständliches hin und verliert den Blick für das Außerordentliche. Wer es versteht, für sich raffinierte Reklame zu machen, hat es leichter, auf die Masse zu wirken. Soot verab­scheut die Reklame. Sein Wesen ist auch darin durchaus - deutsch. Daß er trotzdem den Weg zur Höhe in - allerdings schwerem -Aufstieg gefunden hat, ist der beste Beweis für ungewöhnliches Können und echtes Künstlertum.




Fritz Soot in älteren Jahren



Als zweites noch einen Artikel von Einhard Luther über Soot vom Cover der Preiser LP LV 143:




Als sich die ruhmreiche Bühnenkarriere des renommierten Heldentenors Ernst Kraus zu Beginn der zwanziger Jahre ihrem Ende zuneigte, suchte die Berliner Staatsoper lange nach einem geeigneten Nachfolger. Die Wahl fiel 1922 auf den bis dahin in Stuttgart tätigen Fritz Soot.

Eine der eigenartigsten Sängerpersönlichkeiten jener Zeit wurde damit für Berlin gewonnen. Fritz Soot, am 20. August 1878 in Neunkirchen geboren, wandte sein Interesse zunächst der Sprechbühne zu. 1901 betrat er die Bühne des Hofthea­ters in Karlsruhe; bis 1907 blieb er Mitglied des dortigen Schauspielensembles. Seine Karriere hätte mit der 1907 an­gebotenen Verpflichtung an das Burgtheater in Wien einen frühen Höhepunkt gefunden, denn er sollte als Nachfolger von Kainz engagiert werden. Soot jedoch, der damals bei dem berühmten Bariton der Dresdener und Bayreuther Bühnen, Karl Scheidemantel, Gesang studierte, lehnt den Vertrag nach Wien ab, bricht seine bisher so erfolgreiche Schauspielkar­riere ab und debütiert 1908 an der Dresdener Hofoper als Tonio in der komischen Oper „Die Regimentstochter" von Gaetano Donizetti.

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges umfaßt sein Reper­toire zumeist Rollen des lyrischen Tenorfaches; er wirkt am 26. Januar 1911 in der Uraufführung des „Rosenkavalier" von Richard Strauss in der Partie des italienischen Sängers mit. Eine Entwicklung zum schweren Heldenfach deutet sich je­doch schon in den letzten Jahren vor Beginn des Krieges an; Loge, Erik und Stolzing gehören schon vor dem Kriege zu Soots Repertoire.


Fritz Soot, Foto von 1915, signiert 1919

Als Offizier nimmt Soot am Weltkrieg teil; erst 1918 kann er seine unterbrochene Sängerlaufbahn wieder aufnehmen. In Stuttgart vollzieht er die Entwicklung zum Heldentenor. Er eignet sich die schweren Wagnerpartien an, ohne die Ge­schmeidigkeit schlanker Tongebung zu verlieren. Soot ist bis etwa Mitte der dreißiger Jahre einer der vielseitigsten und wendigsten Wagnertenöre, die das deutsche Musiktheater kennt. Als einer der intelligentesten Operndarsteller weiß er seine nicht baritonal-schwergewichtige, sondern stets elegant geführte, hell timbrierte Tenorstimme mit äußerster Virtuo­sität einzusetzen. Als Othello, Tannhäuser oder Tristan ist er schon während seines Stuttgarter Wirkens weit über Deutsch­lands Grenzen hinaus bekannt.

Im Jahre 1921 gastiert Soot an der Wiener Staatsoper; im Sommer 1922 wird er für die in dieser Form neugegründeten Wagnerfestspiele in der Zoppoter Waldoper verpflichtet. Er singt dort alternierend mit Fritz Vogelstrom und Heinrich Knote die Titelrolle in Richard Wagners „Siegfried". Der Er­folg dieser Vorstellungen entscheidet über den künftigen Ruf der Zoppoter Waldfestspiele, die als „Bayreuth des Nordens" in die Theatergeschichte eingegangen sind.

1922 beginnt Soot seine Tätigkeit an der Staatsoper in Berlin. 1924 wird er für die ersten deutschsprachigen Wagnerauf­führungen nach dem Kriege an der Londoner Covent Garden Opera verpflichtet; in dieser und der folgenden Opernsaison in London tritt er als Siegfried, Siegmund, Stolzing, Tristan, Erik und Ägisth auf. Bis zum Jahre 1931 ist er fast alljähr­lich Gast in Zoppot, wo er auf der stimmungsvollsten Opern­bühne der Welt als Parsifal, Lohengrin, Siegmund und Sieg­fried zum Festspielniveau der Aufführungen beiträgt.

Seine Gastspieltätigkeit ist sonst im Wesentlichen auf den deutschen Sprachraum begrenzt. Soot hat seine Bindung an die Berliner Staatsoper sehr ernst genommen; sein Reper­toire dürfte unter seinen Fachkollegen ohne Vergleich sein, was die Vielseitigkeit seiner Darstellungsmöglichkeiten be­trifft. Nimmt man die Zeit seiner Schauspielkarriere hinzu, so hat seine Bühnenlaufbahn genau ein halbes Jahrhundert gedauert: noch im Jahre 1951 hat er an der Städtischen Oper in Berlin, im Alter von 73 Jahren, einen überaus akzentuier­ten und stimmlich ausgezeichneten Herodes gesungen. Die Schallplatte gibt seinen weitgespannten Interpretationsradius nur zum Teil wieder; auffallend ist jedoch stets die musi­kalische Gewissenhaftigkeit, die sorgfältige Sprachbehand­lung und eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Rollenauf­fassung. Noch bei seinem 80. Geburtstag hat Soot erstaunliche Liedaufnahmen gemacht. Als er am 9. Juni 1965 starb, ging einer der interessantesten Wagner- und Charakterdarsteller der Jahre zwischen den beiden Kriegen dahin.

Einhard Luther






















Mittwoch, 18. Februar 2015

Leporello - 16 Bildnisse von der Königlichen Oper zu Berlin 1907

Bei der Vorbereitung meines Beitrages über die erste Gesamtaufnahme der Oper Faust (1908) in meinem anderen Blog fiel mir eine Mappe in die Hand, in der man im Jahre 1907 16 Bilder im Schwarz-Weiss-Fotodruck im DIN-A 5-Format mit Bildern von Künstlern der Berliner Oper für 1,60 Mark erwerben konnte (eine Schallplatte kostete damals ca. 2 bis 7 Mark). Diese Mappe, die im Leporello-Verlag erschien, der wohl eigens hierzu gegründet wurde, möchte ich nun vorstellen.

Umschlag

Sie lässt sich nach 4 Seiten aufklappen und gibt dann die Bilder frei.




Das erste Blatt ist ein Einleger mit einem Vorwort, das kundtut, dass weitere Publikationen mit Künstlern der Berliner Bühnen geplant sind und dass ein Teil der Einnahmen dem Pensionsfonds der Bühnengenossenschaft zugute kommt.


Ich habe diese Mappe schon mehrfach angeboten gesehen, und bei zvab.com sind z.Zt. mehrere Exemplare zu haben (ab 10 EUR ist man dabei!), Von anderen Publikationen aus diesem Verlag habe ich aber noch nie etwas gesehen oder gehört. Ich gehe zwar davon aus, dass der angekündigte zweite Teil mit Bildern von Schauspielern ebenfalls erschienen ist, es scheint aber kein kommerzieller Erfolg gewesen zu sein.

Das Besondere an dieser Mappe ist, dass auf den Rückseiten der Bilder im Faksimile die Handschriften der Sängerinnen und Sänger mit ihrem (Lebens-?) Motto und ihrer Unterschrift abgedruckt sind. So bekommt man direkt eine Handschriftenprobe und ein Autogramm mitgeliefert.

Die Bilder haben auf den Blättern einen breiten weißen Rand, den ich hier mit wiedergebe, Auf der Rückseite nehmen die Unterschriften bei manchen Künstlern wenig Raum ein, so dass ich sie meistens vergrößert bzw. aus dem ganzen Blatt nur als Ausschnitt kopiert habe.


Antoinetta dell'Era, Primaballerina
Antoinetta dell'Era (1861-1945) war die erste Tänzerin des Balletts der Oper.Sie hat 1892 in St.Petersburg bei der Uraufführung des Balletts "Nußknacker" von Tschaikowsky mitgewirkt, war aber bis auf acht Jahre Unterbrechung mit Tätigkeit in Russland (1886-94) von 1879 bis 1909 an der Berliner Oper Primaballerina. Ihr Motto stammt aus einem italienischen Sprichwort, was angeblich auf Dante Alighieri zurückgeht: "Far bene, e lasciar dir (le genti)". Es heißt übersetzt so viel wie: Mach deine Sache gut, und lass die Leute reden (und störe dich nicht daran).







Die nächste ist Emmy Destinn (1878-1930) , die mit einem Foto aus der Oper Mignon vertreten ist. Sie wirkt auf Fotos oft leicht unintelligent, vielleicht weil ihre Augen recht eng zusammenstanden, muss aber eine leidenschaftliche Darstellerin und Schauspielerin ihrer Rollen gewesen sein. Ihre Portraits wie auch dieses zeigen keine Scheu vor starkem Ausdruck. Ihr Foto ist das einzige in der Mappe, bei dem keine Signatur des Künstlers auf der Rückseite ist.


Emmy Destinn als Mignon



Marie Dietrich (1865-1939) war von 1891 bis 1912, dem Jahr ihres Abschieds von der Bühne, bei der Berliner Hofoper tätig, wo sie auf Koloraturollen und das Soubrettenfach abonniert war.


Marie Dietrich als Marie im Waffenschmied

Ihr Motto lautet: "Gunst ist unwichtiger denn - Kunst."




Geraldine Farrar als Julia


Geraldine Farrar (1882-1967) war ein echter Star. Wenn man Sängerpostkarten sammelt, wird man finden, dass sie vermutlich die zu ihrer Zeit meistfotografierte Frau war - es gibt Unmengen von Ansichtskarten von ihr. Sie wurde in den USA geboren, hatte aber auch Unterricht bei Lilli Lehmann und debütiert mit 19 als Margarete in Faust (1901). Ihre Traviata von 1902 war ebenfalls ein sensationeller Erfolg, und ganz Berlin lag ihr zu Füßen, ebenso wie die Familie des Kronprinzen, mit der sie eine Freundschaft pflegte. 1906 entschwebte sie an die Met, wo sie ebenfalls eine treue und fanatische Fangemeinde, vor allem unter jungen Mädchen, hatte. Heute würde man sagen, dass sie ein Popstar war und ein Teenie-Idol. Nach 1906 gastierte sie nur noch einige wenige Male in Berlin.

Ihr Motto passt zu einer jungen Frau, der die Welt zu Füßen liegt. Es sind einige Zeilen aus der Gavotte aus der Oper Manon von Massenet (Frz.: Obeissons, quand leur voix appelle):

Nützet die schönen jungen Tage,
bald bleibt uns nur Erinnerung.
Liebt, lacht, verscheuchet jede Klage
und denkt - wir sind nur einmal jung!




Geraldine Farrar zitiert aus dem deutschen Libretto der Oper Manon







Marie Goetze (1865-1922) hatte eine Altstimme und war von 1892 bis 1920 die Hauptvertreterin des Alt- und Mezzosopran-Faches an der Berliner Hofoper. Neben ihrer Tätigkeit in Berlin fand sie noch Zeit für ausgedehnte Gastspielreisen. Ihr Motto lautet "Der Gottheit Wege führen uns im Dunkeln, preist keinen selig vor dem letzten Tage." Ob dies ein Zitat ist und woraus, konnte mir Google nicht sagen. Vielleicht hat sie es selbst so formuliert.






"Im Tone klar, im Ausdruck wahr!" - das Motto von Emilie Herzog

Emilie Herzog als Eva in den Meistersingern

Emilie Herzog (1859-1923) war seit 1889 an der Berliner Hofoper und wirkte dort bis 1910, bevor sie nach Zürich ging und  Pädagogin wurde. Ihr Fach könnte man als jugendlichen Koloratursopran beschreiben. Sie sang die Königin der Nacht, aber auch die Eva in den Meistersingern. Bereits 1883 sang sie in Bayreuth eine der Blumen in Parsifal, genauso wie auch 1884 und 1891, wo ebenfalls noch der Hirte im Tannhäuser dazukam. Solche kleinen Rollen musste man sich in Bayreuth durch eine wagnerianische Gesinnung und Unterordnung unter den pseudoreligiösen Wagnerkult verdienen. Ihr Motto "Im Tone klar, im Ausdruck wahr!" hätte auch von Cosima Wagner stammen können. Marie Dietrich übrigens (weiter oben) hatte ebenfalls die Ehre, 1888 eine der Soloblumen in Bayreuth singen zu dürfen...




Ida Hiedler als Elsa in Lohengrin


Ida Hiedler (1867-1932) wurde 1887 direkt vom Berliner Konservatorium an die Oper engagiert und debütierte mit der Margarethe in Faust. 1908 verabschiedete sie sich mit der Sieglinde von der Opernbühne und trat nur noch gelegentlich in Konzerten auf. Ihre Hauptpartien waren die etwas leichteren Wagner-Heroinen wie Elsa, Sieglinde, Venus, Elisabeth, aber auch die Leonore in Fidelio, Rezia on Oberon und Leonore im Troubadour. Sie ist von allen Sängern hier auf Schallplatten am schlechtesten dokumentiert. Sie hat lediglich drei sehr seltene Columbia-Platten von 1904 hinterlassen, die ich bisher nur vom Hörensagen kenne. ("Einsam in trüben Tagen" (40472) und "Euch Lüften" (40474) aus Lohengrin sowie die Hallenarie aus Tannhäuser (40520))

Als Motto wählt sie ein Schiller-Zitat: "Auf Dinge, die nicht mehr zu ändern sind, soll auch kein Blick zurück mehr fallen!"



Ida Hiedlers Motto



Therese Rothhauser als Carmen

Therese Rothhauser (1865-1943) war ungarische Jüdin und im wilhelminischen Berlin trotzdem sehr erfolgreich. Sie kam 1892 an die Berliner Oper und sang dort mehr als 25 Jahre. Ihre Paraderollen waren Mozartpartien, aber auch die Carmen und die Amneris. 1907 sang sie in der deutschen Erstaufführung von "Madame Butterfly" die Suzuki, 1911 in der Berliner Rosenkavalier-Premiere (mit der entschärften Textfassung für Kaiser Wilhelm) die Annina. Auch von ihr gibt es kaum Aufnahmen. Ein Titel auf Schallplatte Grammophon, nämlich ein Duett mit Paul Knüpfer aus dem Rosenkavalier, ist noch zu finden. Ferner gibt es noch fünf frühe Columbia-Aufnahmen, die so selten sind, dass von ihnen teilweise noch nicht einmal die Bestellnummern bekannt sind.

Ihr Motto passt zum wilhelminischen Berlin: "Immer vorwärts, nie zurück. Mein Prinzip ist auch mein Glück!" Das Zitat haben auch andere Zeitgenossen als Mottospruch genutzt - von wem es ursprünglich stammt, konnte ich nicht herausfinden.

Gedankt wurde ihr das Engagement für ihr Publikum nicht: im Alter von 78 Jahren wurde sie in das Ghetto von Theresienstadt verschleppt und dort ermordet.






Ida von Scheele-Müller als Dalila

Ida von Scheele-Müller (1862-1933) war ein Alt und wirkte von 1895 bis 1930 in Berlin, wenn auch das Sängerlexikon nahelegt, dass sie von 1898-1905 hauptsächlich in Bremen sang. Ihr Motto ist genauso himmelstürmend-heroisch und von sich selbst überzeugt wie das vorige: "Aufwärts! Vorwärts!"






Ida von Scheele Müller

Rudolf Berger (1874-1915) sang von 1898 bis 1908 als Heldenbariton in Berlin und dann, nach einer Umschulung, noch einmal von 1908 bis 1913 als Heldentenor. 1913 heiratete er die ameikanische Sängerin Marie Rappold und ging an die Met nach New York, wo er 41-jährig, ziemlich genau vor 100 Jahren, am 27.II.1915 starb. (siehe hier)  Zur Zeit des Fotos war er noch Bariton, und so findet man ihn hier als Telramund anstatt als Lohengrin.

Rudolf Berger als Telramund


Sein Motto ist etwas minimalistisch: "Stets glücklich ist der, welcher nichts erwartet, denn er wird nie getäuscht werden!" Woher dieses Geflügelte Wort stammt, konnte ich nicht herausfinden.





Rudolf Bergers Motto

Wilhelm Grüning als Rienzi
Wilhelm Grüning (1858-1942) hatte die Rolle inne, die Rudolf Berger nach 1908 gerne gehabt hätte: der typische Heldentenor Wagner'scher Prägung. Er kam 1898 uind blieb bis 1911. Die Berliner Oper hatte mit ihm einen erfahrenen und guten Mann gewonnen, der schon Bayreuth-Erfahrung hatte. Bei den Bayreuther Festspielen trat er im einzelnen 1889, 1891, 1892 und 1897 als Parsifal, 1892 und 1894 als Tannhäuser, 1897 als Siegmund sowie 1896 und 1897 als Siegfried auf. Seine Darstellung des Rienzi (der nicht in Bayreuth gegeben wurde) galt zu seiner Zeit als unvergleichlich. Sein Motto "Ars et labor" (Kunst und Arbeit) stellt ihn als einen hart arbeitenden Künstler dar.


Wilhelm Grüning - Wiedergabe der gesamten Seite


Baptist Hoffmann als Fliegender Holländer

Baptist Hoffmann (1864-1937) gehörte von 1897 bis 1915 der Berliner Hofoper an. Der Fliegende Holländer war eine seiner besten Rollen. Als sein Motto wählte er die Stelle kurz vor dem Finale, wo sich der Holländer Senta endgültig offenbart. Das Sängerlexikon bescheinigt ihm eine "groß dimensionierte Baritonstimme, deren dramatische Ausdruckskraft ihre bedeutendsten Aufgaben im Wagner-Repertoire fand."

Befrag' die Meere aller Zonen, befrag' 
den Seemann, der den Ozean durchstrich, 
er kennt dies Schiff, das Schrecken aller Frommen: 
den fliegenden Holländer nennt man mich.


Baptist Hoffmann, Zitat aus Wagners Holländer

Walther Kirchhoff als Faust uin Margarethe
Walther Kirchhoff (1879 - 1951) hatte 1906 gerade als Faust an der Berliner Hofoper debütiert und noch ein große Karriere, namentlich als Wagnertenor, vor sich. Bereits 1914 sang er in der Erstaufführung des Parsifal (nach dem gesetzlichen Ablauf der von Wagner auferlegten Sperrfrist der Aufführung des Werkes ausserhalb von Bayreuth) die Titelrolle in Berlin, aber auch in Bayreuth. Im 1. Weltkrieg meldete er sich freiwillig und wurde Adjutant des deutschen Kronprinzen. Später kehrte er noch 1923/24 und 1928/29 an die dann so genannte Staatsoper zurück, gastierte aber auch international. Sein Motto: "Kunst ist Religion" ist einem Parsifal würdig.







Paul Knüpfer (1865-1920) war seit 1898 bis 1919 der unangefochtene erste Bass an der Berliner Hofoper. Er starb mit 55 Jahren an einer "unheilbaren Krankheit". Er ist ein dankbares Objekt für Schallplattensammler, da er sehr viele Aufnahmen hinterlassen hat. Sein Motto lautet: "Erinnerung ist die beste Freundin des Theater(s)" 






Ernst Kraus (1863-1941) gab 1884 sein erstes Gastspiel an der Berliner Hofoper und gehörte ihr von 1898 bis 1924 als erster Heldentenor an. Er war sozusagen der Vorgänger von Walther Kirchhoff und galt als internationale Autorität in Sachen Wagner-Tenorgesang. In den Jahren 1899-1909 war er in Bayreuth verpflichtet und hatte große Erfolge als Stolzing, Siegmund und Siegfried sowie als Erik im Holländer. Er war ein herausragender Tenor seiner Zeit und hat zum Glück viele Schallplatten hinterlassen. Auf seinem Foto als Tristan sieht er ernst und erschüttert aus. Ganz prosaisch gibt er kein Motto an, sondern beschreibt lediglich sein Bild: "Ernst Kraus als Tristan in Tristan und Isolde"


Ernst Kraus, Wiedergabe der gesamten Seite

Als letzter Künstler und gleichzeitig ältester Künstler mit der Nummer 16 in dieser Sammlung taucht hier Robert Philipp (1852-1933) auf. Er war ein eher lyrischer Tenor (auch wenn er einmal Siegmunds Liebeslied aus der Walküre aufnahm), und sein Bild als Don Ottavio aus Don Giovanni passt zu seiner Position als lyrischer Tenor der Berliner Oper. Er war zuerst Schauspieler und Operettentenor und wurde vom damaligen Intendanten der Oper, Graf Hochberg, 1890 als Don Jose in Carmen verpflichtet, mit dessen Rolle er debütierte. Er blieb tatsächlich 40 Jahre bis 1930 (da war er 78) an der Berliner Oper, auch wenn er zuletzt nur noch kleine Rollen sang.

Sein Motto ist recht prosaisch und volkstümlich: "Ohn' Glück und Gunst ist Kunst umsunst."



Robert Philipp in Don Giovanni



Robert Philipp - Motto



Zuletzt möchte ich noch den 17. Künstler vorstellen, Es ist der Bassisit Carl Nebe (1858-1908), der als Leporello auf dem Titelbild abgebildet ist.



Carl Nebe als Leporello



Hier sei das Sängerlexikon einmal ausführlich zitiert:


Nebe, Carl, Baß-Bariton, * 3.1.1858 Braunschweig, † 7.2.1908 Berlin; Sohn des Schauspielers Eduard Nebe (1820-88), der am Hoftheater von Karlsruhe wirkte. Er war Schüler von Joseph Staudigl, Wilhelm Sedlmayer und Felix Mottl und debütierte 1878 am Hoftheater von Wiesbaden, dem er bis 1881 angehörte. 1881-90 war er am Hoftheater von Dessau engagiert, 1890-1900 am Hoftheater von Karlsruhe. Am 6. und 7.12.1890 wirkte er in Karlsruhe bei der ersten Gesamtaufführung des Opernwerks »Les Troyens« von Berlioz mit, bereits 1897 in der Uraufführung von »Das Unmöglichste von allem« von A. Urspruch. 1900 folgte er einem Ruf an die Berliner Hofoper; man schätzte ihn hier zumal als köstlichen Baß- Buffo, aber auch als Alberich im Ring-Zyklus. Am 13.12.1904 wirkte er an der Berliner Hofoper in der Uraufführung der Oper »Der Roland von Berlin« von Leoncavallo mit, bereits am 28.1.1902 in der von »Heilmar, der Narr« von Wilhelm Kienzl und am 9.4.1902 in »Der Wald« von Mrs Ethel Smyth. Er gab Gastspiele an der Münchner Hofoper (1894-1902), am Opernhaus von Leipzig (1885), am Hoftheater von Stuttgart (dort seit 1889 sehr oft aufgetreten), am Stadttheater von Zürich (1900), an der Berliner Kroll-Oper (1888) und am Opernhaus von Köln (1905). Bei den Bayreuther Festspielen von 1892 sang er den Beckmesser in den »Meistersingern«, seit 1896 mehrmals den Alberich im Nibelungenring: Er gastierte an der Covent Garden Oper in London, in Brüssel und Amsterdam und bei den Festspielen von Wiesbaden. Er starb plötzlich nach einer fieberhaften Grippe-Erkrankung.

Entgegen früheren Annahmen existieren von dem Bassisten der Berliner Hofoper Carl Nebe vermutlich überhaupt keine Schallplatten. Sämtliche unter dem Namen Carl Nebe besungenen Platten oder Zylinder stammen von dem gleichnamigen Bassisten Carl Nebe (* 1868), der in Colmar, Metz, Düsseldorf und Kassel engagiert war, hauptsächlich aber als Konzertsänger auftrat. Er gründete um 1908 das Nebe-Quartett, das aus August Bockmann (1. Tenor), Max Kuttner (2. Tenor), Reinhold Niemeier (Bariton) und ihm als Bassisten bestand. Von diesem Sänger (und dem Nebe-Quartett) sind zahllose Schallplattenaufnahmen auf folgenden Marken vorhanden: Zonophone (Berlin, 1901, 1904-06), G & T (Berlin, 1903-05), Columbia (Berlin, 1904), Favorit (Berlin, 1905-06), Odeon (Berlin, 1905), Homochord, Kalliope, Janus, Parlophon, Polyphon, Star, Pathé, Arti-Homochord und Edison-Zylinder. Einige Zonophone-Platten sind unter dem Namen Karl Rapp erschienen, einige Edison-Zylinder unter dem Namen Karl Hoffmann.

[Nachtrag] Nebe, Carl; 1897 nahm er am Hoftheater Karlsruhe an der (posthumen) Uraufführung von Franz Schuberts Oper »Fierrabras« teil.

[Lexikon: Nebe, Carl. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 17499 (vgl. Sängerlex. Bd. 4, S. 2494 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]


Ganz am Ende seien noch die Vorschau auf die zweite Ausgabe mit Mitgliedern des Berliner Schauspielhauses (von der ich nicht weiß, ob sie tatsächlich erschienen ist) und eine interessante Werbung wiedergegeben.


Vorschau auf die zweite Lieferung mit Bildnissen von Berliner Schauspielern

Werbung

Bei der Anzeige in der Mappe handelt es sich um Werbung für Heimtrainer zum Abnehmen. Ähnliche Geräte gibt es heute noch wie vor 108 Jahren. Interessant ist, das das Gedicht zu "Bender auf dem Reitapparat Velotrab" eine Berliner Revue zitiert, die sehr erfolgreich war und im Jahre 1906 uraufgeführte wurde: "Und der Teufel lacht dazu" des Librettisten und Hausdichters des Berliner "Metropol" Julius Freund (1862-1914).